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21.4.10

Normative Science Fiction

oder Warum das iPad ein Netbook sein muss

Als Apple mit dem iPhone in das Telefongeschäft einstieg, war der Markt und die Produktentwicklung in einer Sackgasse angelangt. Das fast schon ehrwürdige Symbian war und ist bis zum äußersten ausgereizt, ein All-In-One-Konzept gab es nur von wenigen Anbietern, wie z.B. Blackberry, Palm OS war auf einem toten Ast verkrochen, und die Geräte mussten - ähnlich den Digitalkameras - auf einen Wettlauf der Megapixel setzen, um den Kunden überhaupt noch aufzufallen. Dann kam jedoch das iPhone, und mit ihm eine neue Norm. Handys mussten nun W-LAN beherrschen, um Handys zu sein, Megapixel wurden wieder weniger wichtig, Softwareentwicklung wurde von ambitionierten Programmiererinnen und Programmierern aus der Hand der Abzockfirmen gerissen, Pornopuzzles wurden von Web2.0-Apps übertroffen, und viele Firmen der Mobilbranche sahen sich gezwungen, Betriebssysteme auf dem Mobiltelefon neu zu überdenken. Android und WebOS, als Paradebeispiele, wurden mit dem Anspruch kreiert, eben nicht mehr alles zu können, sondern vielmehr Plattform zu sein (ja, PalmOS davor schon auch, aber es ist paradigmatisch, dass es für eine Neuentwicklung aufgegeben wurde). Aus den Schreibmaschinen wurden Personal Computer, und ja, ich glaube es ist zu einem großen Teil Apples Gerät zu verdanken. Am scheinbaren Ende einer technologischen Evolution, wurde ein anscheinend revolutionäres Gerät zur verkörperten Idee eines guten Mobiltelefons. Und eben dadurch wollten andere genauso sein, wollten nachahmen, und haben verbessert.

Einige Jahre zuvor, fast Äonen, wenn man die rasante Entwicklung miterlebt hat, hat Apple schon einmal ein anscheinend revolutionäres Gerät auf den Markt gebracht: den iPod. Jedoch gab es hier Unterschiede in der technologischen Situation, und eben diese Situation sehe ich heute (und da es ja dank Wahlkampf gerade ein Modewort ist:) mit großer Sorge wieder. Sony hatte über lange Zeit bestimmt, wie gehört wurde. Die Musikkassetten wurden von MiniDiscs und CDs abgelöst, und nachdem der Schwanengesang der MiniDiscs verklungen war, und MP3-CDs zu sprießen begannen, entstieg der Asche eine notwendige Konsequenz der Entwicklung der Enthaptisierung, die mit der Schellackplatte begann, und ihre momentane Erfüllung in der (nunmehr wohl bald sogar ätherisierten, s. YouTube, Pandora, etc...) digitalen Datei findet. Die Musikdatei konnte, sobald die Speicherkapazitäten bzw. Komprimierungen ausreichend waren, sehr wohl auch ohne Zwischenmedium wie CD auf ein Gerät gespielt werden, und in nächster Folge ist es notwendig, dass die CD als Medium auch aus der Beziehung Musiker-Rezipient verschwindet (Mögen die Industrien nun ihrerseits zum Schwanengesang der verkaufbaren Medien einstimmen, es wird früher oder später ja doch passieren.) Doch der iPod hat hier zu einem gänzlich anderen Zeitpunkt in die technologische Entwicklung eingesetzt, als das iPhone in die der Mobiltelefone. Denn mit dem iPod kam kein perfektes Gerät au den Markt, sondern ein sehr durchschnittliches. Erst durch den iTunes Music Store konnte ein wirklicher Vorteil gegenüber den Mitstreitern gewonnen werden. Und wenn wir heutige iPods (mit der einzigen Ausnahme vielleicht des "Touch", aber der hat das eben nicht der MP3-Player-, sondern der Handyentwicklung zu verdanken) ansehen, dann haben sich exakt drei Dinge getan: Die Speicherkapazität und Displayfarbanzahl hat sich erhöht, die Gerätegröße verkleinert. Dies sind keine Verdienste einer F&E, sondern allein der rasanten Technologieentwicklung. Jeder weiß, dass Geek-Gadgets exakt drei Dinge quasi von selbst tun: sie werden kleiner, sie werden schöner, und die Kapazität erhöht sich. Aber Innovation, die sieht anders aus. Trekstor zum Beispiel hatte einen MP3-Player (den sie leider nicht mehr fortsetzen), der einen Input-Jack hat. Man konnte per Line-In, nicht nur per schlechtem eingebauten Mikro aufnehmen. Es werden einige andere Beispiele einfallen, die auf dem Markt nur eine Nischenchance hatten, und das nur aus einem Grund: Apple schuf ein durchschnittliches Gerät, und dieses Gerät wurde dank Marketing der neue Maßstab. Was man denn sonst noch könne, interessierte nur noch sehr wenige, denn scheinbar bot und bietet der iPod alles, was man je wünschen könnte.

Seit kurzem gibt es das iPad. Es hat eine durchschnittliche Technologie, und ihm wird groß als Retter der Onlineprintmedien gehuldigt. Doch was kann dieses Gerät mehr als etwa Amazons oder Sonys eBook-Reader?
Zunächst hat es den größten Vorteil des iPhones übernommen, und das klingt wie ein Killerargument: die Apps bieten die Möglichkeit, scheinbar alles mit diesem Gerät schaffen zu können. Und eine spezielle App gilt gar als die Zukunft: iBooks mit dem inkludierten Store. Doch wenn wir diese App mit den Fähigkeiten der besseren eBook-Reader vergleichen, bemerken wir zweierlei: erstens: die Akkukapazität ist lächerlich klein verglichen mit dem Stromsparenden E Ink-Display, das bedeutet eine längere Unabhängigkeit von einem 1. Ladegerät und aber noch viel wichtiger: 2. Computer, und zweitens ein scheinbar viel bewährteres Gesamtkonzept in iBooks. LCD, blättern, das iPad bietet nichts neues. Aber es macht bewährtes digital gut.
Ich verlaufe mich gerade ein bisschen in den versucht abstrakt gehaltenen Produktbeschreibungen.

Aber worauf ich hinauswill: Das iPad ist ein unglaublich durchschnittlicher eBook-Reader. Innovative, junge Technologien blendet Apple hier genauso aus wie bei dem Beispiel iPod/Input-Jack. Wenn wir als Konsumenten, und noch viel schlimmer, wenn die Medienindustrien auch nur für einen Moment glauben, dass das iPad die neue Form ist, digitale Inhalte zu lesen, dann könnte das fatale Konsequenzen für die Entwicklung dieser Technologie haben. Das iPad ist kein eBook-Reader, sondern ein Netbook. Es ist die Antwort von Apple auf billige, simple, unterwegs-Computer. Durch den iBookstore wird der Schein erweckt, es handle sich um eine sinnvolle Art mit digitalen Büchern umzugehen. Wenn man sich jedoch in dieser Sparte damit zufrieden geben sollte, dann wird die Entwicklung zu einer Norm eingefroren werden, wie es mit dem iPod geschah. Als Netbook ist das iPad eine Innovation. Als eBook-Reader möglicherweise ein fataler Rückschritt. Wenn die Medienhäuser auf die Ente steigen, dass dieses Gerät die Zukunft ist, dann wird sie es auch werden. Andere Firmen werden sich genötigt sehen, ein iPad nachzubauen, so wie sie sich genötigt sahen, einen iPod und ein iPhone nachzubauen. Und plötzlich werden wir statt eBook-Readern übergroße Handys sans phone haben, die alles passabel bis gut können außer: eBooks lesen zu lassen.
Daher: Bitte, bitte, bitte, liebe Medienhäuser, liebe Journalisten, liebe Hardwarefirmen: versteht, dass das iPad ein Netbook ist. Und versteht, dass es kein eBook-Reader ist. Danke.

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