dusty dawn in downtown distopia

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14.9.09

geteilt, getrennt, für eine ausstellung zusammengepappt.

Letztes Wochenende hatte ich Gelegenheit, die Niederösterreichische Landesausstellung "Getrennt, Geteilt, Vereint", mit Themenschwerpunkt der Beziehung Tschechien/Österreich, zu besichtigen.
Es war ein Fehler, die drei Ausstellungsorte in 2 Tagen durchzurasen, weil viel Information schon wieder verschwommen ist, aber ich möchte trotzdem versuchen, alles geordnet anzugehen.

Kurz gesagt handelte es sich um eine gut designte Infoveranstaltung, die mit ausreichend vielen Exponaten, die aber nicht zu viele wurden, sehr viel Stimmung machte.

Vielleicht muss man dazusagen, dass eben manche Dinge, wie eine vollständige SS-Uniform allein schon gekonnt schlechte Emotionen erzeugen - Elemente wie diese wurden nur schlecht ausgeglichen, die Grundstimmung der drei Ausstellungsorte, Horn, Raabs und Telč war "Fuck, Nazis sind aber scheiße, Kommunismus auch, Gottseidank ist der Vorhang weg" - und das schien auch so gewollt zu sein. Es wurden direkte Vergleiche zwischen NS- und kommunistischer Zeit gezogen, Propagandaplakate aller Parteien nebeneinander gezeigt - trauriger weise erkennt man viele Sujets aus aktuellen Wahlkämpfen wieder.

In den Orten und auf den Straßen zwischen ihnen wurden mit verschiedenen Kunstaktionen, die dann in Ausstellungsrahmen teilweise erklärt wurden, Emotionen amplifiziert - wenn etwa auf der Straße nach Telč auf einmal in der Landschaft der Schriftzug "Wohin verschwinden die Grenzen" auftaucht, fühlt man sich schon sehr europäisch. Aber ob das auch für die einreisenden Tschechen funktioniert, die den Satz etwa nur ein Drittel so groß daneben geschrieben schätzen können? Überhaupt war die Ausstellung sehr eindeutig an die adressiert, die sich als Österreicher endlich wieder gut fühlen sollen, so war zumindest der Eindruck. Natürlich waren in Telč alle Exponate erst Tschechisch, dann Deutsch, zweisprachig beschriftet, aber leider genauso natürlich war es in Österreich nicht genau so, sondern umgekehrt - ich hätte es nett gefunden, wenn man sich erst durch die unbekannte Sprache lesen hätte müssen, um zu sehen, wo die bekannte Sprache anfängt - vielleicht erkennt man ja Worte wieder?


Telč war als Erzähler der Geschichte Tschechischdeutscher und Deutschtschechischer Künstler erkoren worden, was zu dem gut erhaltenen Jugendstilambiente der Stadt gut passte. Jedoch vermochte die Ausstellung kaum das sie beherbergende Schloss Telč überbieten, was soweit ging, als dass in dessen Burghof verkleidete "Mittelalterliche" das Burgleben nachahmten. Ein Gefühl für Zeitgeschichte kam nur in dem Feuerwehrhaus auf, in dem kurze Pamphlete das Leben einzelner "Volks"zugehörigkeiten im WKII erzählten - wie ging es einem "Tschechen", einer "Deutschen", einem "Juden", einer "Tschechin", einem "Deutschen", einer "Jüdin" im Jahr 33, 38, 42? Man konnte die Pamphlete im Ausstellungsraum sammeln und mitnehmen.


Auch Raabs war ein Ausstellungsort, der der eigentlichen Ausstellung starke Konkurrenz machte - zwar ist die Burg nur mit kostenpflichtiger Führung betretbar, aber dies ist sowieso nur Spitze der dort konservierten Architektur. Überall in Raabs sind alte Mauerwerke gut ins Stadtbild integriert, dass man nach dem nächsten Obliviontor suchen möchte. Eine Kunstaktion mit Schaufensterpuppen ist zwar ein Hingucker, der sich durch den Ort zieht, wirklich beeindruckend sind jedoch verkehrt in den Boden eingesetzte Bäume.


Das Haus, in dem die Ausstellung stattfindet, ist extra zu diesem Anlass restauriert worden, und gibt mit einer 400 Jahre alten Linde im Hof auch einiges her. Im Unterschied zu Telč wurde das Gebäude in der Ausstellung nicht wirklich angesprochen, Platten verdeckten die Wände, so dass es eben genausogut bei mir im Keller gewesen hätte sein können. Allerdings habe ich mich doch grad vorher darüber beschwert, dass in Tschechien zuviel des Hauses im Zentrum stand, also sag ich schon nichts mehr dazu ;) Raabs hatte irgendwie den Fokus "Grenze, und wie Leute damit umgehen", Horn schien sich verstärkt mit den militärischen und politischen Themen zu beschäftigen.

Horn, als größter Ausstellungsort war gut organisiert, und blieb mir auch am stärksten im Gedächtnis. Begrüßt wurde man von Kriegsmaschinerie des ersten Weltkriegs, und ging durch Räume und Jahre bis zum EU-Beitritt Tschechiens. Verwirrend, aber eindrucksvoll war die Vermischung von 2. WK und kaltem Krieg. Neben den verschiedenen Hakenkreuzigen Abzeichen und Nadeln waren etwa die Äquivalenten Sowjetischen ausgestellt. Ein Raum erklärte alle möglichen heraldischen und andere Symbole und ihre Herkunft und Bedeutung, vom Wolf bis zur Menorah, dem Freimaurerlogo, der Schwertlilie, etc. Man konnte aufgezeichnete Telefonate zwischen Staatsoberhäuptern mithören, Schuschniggs Rede vorm deutschen Einmarsch spielte in einem Raum, es wurde gezeigt, wie ein so perfider Rechtsstaat aufgebaut war, in dem Gerechtigkeit nur noch Leid bedeutete. Ein Beispiel, dass mich besonders bewegte, waren öffentliche Bekanntmachungen über standrechtliche Hinrichtungen - wo also im Nachhinein rechtens erklärt wurde, wieso dieser oder jener sofort erschossen werden musste.


Es lohnt sich sehr, die Reise ins Waldviertel zu unternehmen, und es lohnt sich, sich mehr Zeit als nur 2 Tage zu nehmen.

Zum Abschluss noch zwei Dinge zum Sujet der Veranstaltung: in Österreich wurde mit der Fotografie von zwei sich küssenden Frauen, wohl nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs, geworben - dieses Bild sah man in Tschechien garnicht.



Und ein schönes Beispiel Österreichischen Großmuts zeigte sich auf der Rückseite der Broschüre, wo eine kleine Karte von Österreich und Tschechien zeigte, wo die Ausstellungsorte ungefähr zu finden sind.
Die tschechische:


und die österreichische Version der Broschüre.


Es ist schön, dass die Grenzen weg sind. Aber es haben sich wohl noch nicht alle daran gewöhnt.



[UPDATE (22. IX. 2009): Ups, hatte wohl die Fotos von der Broschüre vergessen.]

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